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"Damit Schulen gelingen" - Gewalt an Schulen

Mit folgender Mitteilung haben wir uns heute an die Medien gewandt:

Medienmitteilung
der Landeselterninitiative für Bildung e.V. im Saarland

Saarbrücken, 8. Dezember 2006

Gewalt an Schulen – Landeselterninitiative bittet, wissenschaftliche Empfehlungen ernst zu nehmen

Uns Eltern ist klar, dass Aggressivität und Gewalt eine ganz bestimmte Variante der Folge von verunsicherten Beziehungen mit einem unausgewogenen Realisieren von Anerkennung, Anregung und Anleitung in der Erziehung sind. Andererseits sehen wir aber auch die sozialen und gesellschaftlichen Auslöser von Gewalt:

-  Armut, Verelendung, schlechte Wohnungsbedingungen

-  Als ungerecht und aussichtslos empfundene Chancenstrukturen

-  Mangelnde soziale Integration

-  Mangelnde Übereinstimmung in Grundwerten

Nach Untersuchungen von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sozial- und Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bielefeld, ist aggressives oder delinquentes Verhalten in der Schule zwar vielfach der Endpunkt einer langen Kette von Belastungen, verdeutlichen aber Untersuchungsergebnisse, dass Leistungsversagen, schlechter schulischer Leistungsstand, häufige Versetzungsgefährdungen, Klassenwiederholungen und ein Zurückbleiben hinter den eigenen und/oder elterlichen Erwartungen Begleiterscheinungen für aggressives Verhalten sind.

Schulische Lösungsansätze können immer nur einen Teil der Entstehungsbedingungen für Gewalt in der Schule berühren, dennoch wollen wir auf Empfehlungen von Prof. Hurrelmann, Universität Bielefeld, hinweisen und das Schulsystem bitten, sie ernst zu nehmen:

1. Förderung der Leistung

Der Zusammenhang von Schulversagen und Gewaltbereitschaft ist unübersehbar. Zwar ist die Schule in der Regel gezwungen, ein einheitliches Bewertungssystem anzuwenden, d. h. die Leistung eines einzelnen Schülers im Vergleich zu anderen zu bewerten. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, neben die Note eine individuelle Bewertung zu schreiben, die die Leistungsfortschritte des Kindes lobend hervorhebt und damit sein Selbstwertgefühl steigert.

2. Transparente und gerechte Chancenstruktur

Hier geht es um den Aufbau und die ständige Präzisierung und Weiterentwicklung von Regeln. Entscheidend sind objektiv faire und berechenbare Umgangsformen im fachlichen Leistungs- und im sozialen Beziehungsbereich, die jedem Schüler die Chance bieten, anerkannt und akzeptiert zu werden.

3. Strukturierung und Rhythmisierung des Unterrichts

Leistungsschwierigkeiten können nicht allein durch verstärktes Einzeltraining, sondern auch durch verbesserte Strukturierung von Unterrichtsabläufen, klare Gestaltung und zeitliche Rhythmisierung der Arbeitszeiten und Differenzierung von Leistungsanforderungen angegangen werden. Die Schule sollte alles tun, um von den Schülern als eine gerechte Gemeinschaft empfunden zu werden.

4. Vorbildwirkung von Lehrern und Lehrerinnen

Lehrer stellen in vieler Hinsicht in ihrem Verhalten ein Modell für die Schüler dar. Es ist wichtig, dass sie sich korrekt und vorbildlich verhalten. Dazu gehört z. B., sich zu bemühen, sich zu engagieren und Fehler, wenn sie gemacht wurden, einzugestehen. Oder aber, dass Lehrer Konflikte in ihren eigenen Reihen lösen, dass sie sich nicht ständig eifersüchtig an einer imaginären Beliebtheitsskala orientieren.

5. Gestaltung der sozialen Beziehungen


Lehrer müssen in den Kontakten mit ihren Schülern deutlich machen, dass sie an ihnen interessiert sind, an ihrer Entwicklung, an ihrem Fortkommen, auch Ansprechpartner in persönlichen Fragen sein.
Lehrer brauchen auch Fortbildungsangebote, damit sie ihre Wahrnehmungsfähigkeit für anbahnende Konflikte stärken können und Konfliktlösungskompetenz entwickeln können. Sie brauchen endlich mehr Zeit, auf die Schüler individuell eingehen zu können.

6. Beteiligung der Schülerinnen und Schüler am Schulleben

Diskussionen über Normen und Werte und darüber, warum Regeln für alle gelten, gehören in den Unterricht. Sie sind für den Tagesablauf und für die Verständigung in der Schule von großer Bedeutung. Es gilt, in Kooperation mit allen an der Schule Beteiligten über alternative Formen der Konfliktlösung nachzudenken. Denn auf Gewalt folgende Ordnungs- und Strafmaßnahmen, die gesteigert werden, wenn das Ausmaß an Gewalttätigkeiten zunimmt, bewirken oftmals eine Eskalation oder eine Stabilisierung der Gewalt.

7. Stärkung von Kooperationsstrukturen


Wichtig ist, dass eine Schule immer sofort und unmittelbar auf gewalttätige Konflikte in ihren Mauern reagiert. Nichts ist schlimmer als ein Verdrängen dessen, was doch alle gesehen und miterlebt haben. Ziehen sich z. B. Lehrer zurück und scheuen aus welchen Gründen auch immer das Gespräch mit den Schülern, ermöglichen sie damit den aggressiven Schülern eine Vergrößerung ihres Freiraumes und ermutigen sie so, ihre aggressiven Aktivitäten fortzusetzen. Eine gute Schule setzt auf die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Schülern und Lehrern mit dem Ziel, Aggressionen in der Schule einzudämmen, eine Eskalation der Gewalt frühzeitig zu unterbinden, Ordnungsmaßnahmen und Regelbefolgung durchzusetzen, die Opfer zu schützen und den Tätern wirksam entgegen zu treten.

8. Soziales Kompetenztraining für Schülerinnen und Schüler

Mit sozialer Desorganisation schwindet die Fähigkeit zur friedlichen Konfliktregelung. Daher ist das soziale Kompetenztraining besonders wichtig. Es zielt vor allem darauf, die Fähigkeit und die Bereitschaft zu Auseinandersetzungen mit Problemen und schulischen sozialen Anforderungen zu stärken.

9. Streitschlichterprogramme


Streitschlichterprogramme bieten eine konkrete Hilfe bei Konflikten unter Schülern aus eigener Kraft für eine Klärung, einen Täter-Opfer-Ausgleich und eine Sanktionierung zu sorgen.

10. Beratung in der Schule, Schulsozialarbeit

Für Schulen muss allgemein ein effizientes psychologisches Beratungsangebot verfügbar sein, nicht nur für Probleme etwa mit Respektlosigkeit und Gewalt. Darüber hinaus muss die Möglichkeit bestehen, aggressive und gewalttätige Schüler sozialpädagogisch zu betreuen. Desolat erscheint uns das schulpsychologische Stützsystem dagegen im Saarland. Während zum Beispiel in Finnland und Dänemark ein Psychologe bis zu 800 Schüler betreut, die Relation in den USA noch bei 1:1.000 liegt, müssen wir wegen eines Verhältnisses von bis zu 1:18.000 (!) monatelange Wartezeiten hinnehmen.
 
Mit freundlichen Grüßen
 
Bernhard Strube
 
Sprecher der Landeselterninitiative für Bildung e.V.
Fasanenweg 3a, 66129 Saarbrücken
Telefon: 06805 21010
Mobiltelefon: 0163 2819959
Bernhard.Strube@t-online.de
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