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Themen / 8-jähriges Gymnasium

Position zum achtjährigen Gymnasium im Saarland

Wir fordern: Individuelle Förderung als vorrangiges Ziel auch für Gymnasien! Bei Kooperationen von Gemeinschaftsschulen mit Gymnasien in der Oberstufe prüfen, ob den Gymnasien mehr Flexibilität bis zum Abitur eröffnet werden kann.

Unsere ausführliche Stellungnahme gegenüber dem Landtag im September 2015 zur Diskussion um G8/G9 steht hier zum Download zur Verfügung.

Die Landeselterninitiative für Bildung hat in früheren Jahren die Art und Weise des Umstellungsprozesses von G 9 auf G 8 im Saarland immer wieder kritisiert und auf die mit der unzulänglichen Umstrukturierung verbundenen höheren Belastungen eines Weges zum Abitur in acht Jahren hingewiesen. Unsere Analyse von Anfang 2008 und unsere damaligen Forderungen stehen hier zum Download noch zur Verfügung.

Nachdem die Landesregierung das sog. Zwei-Säulen-Modell von gleichwertig nebeneinander stehenden Gymnasien mit ihrem Weg zum Abitur in acht Jahren und Gemeinschaftsschulen mit der Möglichkeit des Abiturs nach neun Jahren eingerichtet hat, haben wir eindringlich die Vorlage eines Konzepts zur Entwicklung der Qualität von Unterricht und Lernen an den Gymnasien mit Schwerpunkt Individualisierung des Lernens gefordert, wie die Regierung es für die Gemeinschaftsschulen vorgegeben hat. Die Gymnasien müssen nach unserer Auffassung wegen der Verdichtung der Lerninhalte und zunehmender Heterogenität ihrer Schülerschaft individuelle Förderung als vorrangiges Ziel ansehen und die Schul- und Unterrichtsgestaltung an den Lernvoraussetzungen und Lernprozessen der Schülerinnen und Schüler orientieren, so wie es für die Gemeinschaftsschulen in einer Verordnung bestimmt ist. Dazu muss den Gymnasien Zeit zur Verfügung gestellt werden und den Schulleitungen sowie Lehrkräften eine systematische, modular aufgebaute Fortbildung für begabungsgerechten Unterricht. Hier in erster Linie sehen wir Handlungsbedarf. Deshalb begrüßen wir das Programm Individuelle Lernbegleitung des Bildungsministeriums für die Gymnasien mit zusätzlichen Lehrerstunden und modularer Fortbildung. Allerdings sollte dies auch auf die anderen Schulformen erstreckt werden.

 
Wir sehen im Übrigen als Mitveranstalter des seit 2007 ausgeschriebenen Saarländischen Schulpreises, dass es Gymnasien gibt, die sich entwickelt haben und die Unterrichtsgestaltung an den individuellen Anforderungen der Schüler ausrichten und produktiv mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen und Leistungsmöglichkeiten der Schülerinnen und Schüler umgehen, so als Beispiel das Hochwald-Gymnasium Wadern, einer der Preisträger des Saarländischen Schulpreises 2011, das Technisch-Wissenschaftliche Gymnasium Dillingen, Hauptpreisträger des Saarländischen Schulpreises 2013, und das Saarpfalz-Gymnasium Homburg, einer der Preisträger in diesem Jahr.
 
Die Landeselterninitiative für Bildung sieht in der Diskussion um eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, die die G9-jetzt-Initiative mit ihrer Unterschriftensammlung angestoßen hat, den Vorteil, dass der Blick auf die Qualität von Unterricht und Lernen an Gymnasien gelenkt werden kann. Dorthin müssen nämlich Personal und Kräfte investiert werden, statt in eine reine Strukturveränderung, die für sich allein schon mehr Lehrerstellen erfordern würde.
 
Die Landeselterninitiative fordert, dass die Regierung ihrer im Koalitionsvertrag bekundeten Absicht, für die Personalzumessung der Gymnasien eine Klassengröße von 25 in den Stufen 5 und 6 sowie eine Größe von 27 in den Stufen 7 bis 9 anzustreben, auch durchgängig in die Tat umsetzt.
(In der Sekundarstufe I hatten im Schuljahr 2013/14 im Saarland 48,1 % der Klassen an Gymnasien 26 und mehr Schüler. Quelle: Statistisches Amt Saarland, letztes Sonderheft Allgemein bildende Schulen im Schuljahr 2013/14, Tabellen 5.5 6.3 und 7.3, März 2014)

Nach Auffassung der Landeselterninitiative sollte die Landesregierung in Diskussion mit Lehrern, Schülern und Eltern durchaus ausloten, ob die Situationen, dass an einigen Standorten Gemeinschaftsschulen mit Gymnasien in der Oberstufe kooperieren werden, auch den Gymnasien mehr Flexibilität bis zum Abitur eröffnen könnten.

Im 21. Jahrhundert darf es nicht mehr nur um das bloße Vermitteln von Lehrstoff gehen. Kinder und Jugendliche müssen vielmehr in die Lage versetzt werden, selbständig Kompetenzen zu erwerben, Qualifikationen auszubauen, Bildung zu leben und zu erleben. Gefordert ist ein doppelter schulischer Perspektivwechsel - vom Lehren zum Lernen und vom Wissen zur Kompetenz. Bildungsstandards geben längst vor, dass bei der Diskussion um das achtjährige Gymnasium qualitative Kriterien im Vordergrund stehen müssen. Sinnvolles Lernen erfordert zudem eine pädagogisch sinnvolle Abwechslung längerer Lerneinheiten und Freizeitgestaltung, was nur in echten Ganztagsschulen realisierbar ist. Sie müssen als Lern- und Lebensräume gestaltet sein, mit genügend Zeit für individuelle Förderung eines jeden Schülers, sodass private Nachhilfe obsolet wird.


 

1 Statt 2.990 wie im Jahr 2007 und 3.090 im Jahr 2008 werden im Saarland im Jahr 2009 5.890 Schüler die Hochschulreife erhalten und Studienplätze sowie Ausbildungsplätze anstreben (Quelle: KMK-Statistik).

2 In kleineren Klassen werden Lerndefizite und individuelle Probleme von Schülern rascher und klarer erkannt, sie können umfassender und gründlicher aufgearbeitet werden. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer: „Untersuchungen vor einigen Jahrzehnten fanden keinen Zusammenhang zwischen Klassengrößen und Lernerfolg. Zwar haben Lehrer immer gefordert, sie brauchen kleinere Klassen, aber ihnen wurde geantwortet, da gibt es empirisch keinen Zusammenhang. Mittlerweile ist ein Zusammenhang erwiesen. Ab fünfundzwanzig nimmt der Schulerfolg ab. Wir brauchen heute kleinere Klassen, weil die Varianz der Schüler so groß ist. Man braucht einfach mehr Zeit.“

3 An der Schulentwicklung muss eine effiziente psychologische und sozialpädagogische Beratung beteiligt sein und generell Bestandteil der Organisationsentwicklung der Bildungsarbeit werden. Desolat erscheint uns dagegen schon das schulpsychologische Stützsystem im Saarland. Während zum Beispiel in Finnland und Dänemark ein Psychologe bis zu 800 Schüler betreut und in den USA die Relation noch bei 1:1.000 liegt, müssen wir wegen eines Verhältnisses von bis zu 1:18.000 (!) monatelange Wartezeiten hinnehmen.