Die PISA-Untersuchungen haben klare Anhaltspunkte erbracht, dass ein flächendeckendes Angebot an echten Ganztagsschulen, das im Übrigen die meisten Länder in der EU und der OECD besitzen, zu höherem Leistungsniveau führt und eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass Kinder individuelle Leistungsunterschiede ausgleichen sowie ein schlechtes außerschulisches Lernumfeld überwinden können. Echte Ganztagsschulen sind deshalb auch ein Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Chancengleichheit.
In ihnen haben Lehrer mehr Zeit und Raum, ihre Schul- und Unterrichtsgestaltung an den Lernvoraussetzungen und Lernprozessen der Schülerinnen und Schüler zu orientieren und deren individuelle Entwicklung zu fördern.Dabei geht es uns nicht um die bloße Ausdehnung des (heute geläufigen) Unterrichts von fünf auf acht Stunden, sondern um verändertes Lernen. Um die Wandelung der Schule als Anstalt konzentrierter Belehrung in eine Schule als geordneten Lebens- und Erfahrungsraum. Lernen kann dort zur „Vorfreude auf sich selbst werden“, ist besser rhythmisiert, die gemeinsame „Lernzeit“ wird höher.
Im Saarland existierten bis zum Jahr 2010 nur drei Grundschulen und eine Gesamtschule (sowie als besondere Schule das deutsch-luxemburgische Schengen-Lyzeum) als echte Ganztagsschulen, bei 301 allgemeinbildenden Schulen (ohne berufliche Schulen) insgesamt. Obwohl das Land 50 Millionen Euro aus dem Investitionsprogramm der Bundesregierung „Zukunft, Bildung und Betreuung (IZBB)“ für einen Ausbau der Ganztagsschulen verfügbar hatte, ist keine einzige echte Ganztagsschule mehr entstanden, sondern wurde das Geld für Versorgung und Betreuung an Schulen verbraucht. Das damalige CDU-geführte Bildungsministerium nannte dies (und das heutige nennt dies immer noch) ‚Freiwillige Ganztagsschule’. Ein Mogelbegriff, eine Mogelpackung: Es fehlt die konzeptionelle Verzahnung von Vor- und Nachmittag, es mangelt an pädagogischem Fachpersonal, die gemeinsame Lernzeit ist nicht erhöht und der Unterricht nicht besser rhythmisiert.
Im Schuljahr 2011/12 richtete die CDU/GRÜNE/FDP-Koalitionsregierung (Bildungsminister Kessler, DIE GRÜNEN) - zurückzuführen auch auf den öffentlichen Druck - erstmals seit 20 Jahren wieder neue echte Ganztagsschulen im Saarland ein: es kamen drei hinzu. In der Regierungszeit der CDU/SPD-Koalition (Bildungsminister Commerçon, SPD) wurden 10 weitere eingerichtet, unterstützt durch ein Investitionsprogramm mit rd. 8,3 Mio Euro. Im Schuljahr 2017/2018 kommt eine weitere Grundschule als Ganztagsschule hinzu.
Die CDU/SPD-Regierungskoalition der Jahre 2012 bis 2017 hatte sich - unter starkem Einfluss der SPD - in ihrem Koalitionsvertrag verpflichtet, in ihren Regierungsjahren das Angebot an echten Ganztagsschulen um insgesamt weitere 25 auszubauen und dabei – wegen der gestiegenen Nachfrage nach Ganztagsbetreuung in frühkindlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen – den Schwerpunkt auf den Grundschulbereich zu legen. Dies haben wir auch als Erfolg aller gewertet, die sich für eine bessere schulische Bildung der Kinder und Jugendlichen eingesetzt haben und einsetzen.
Im CDU/SPD-Koalitionsvertrag für 2017-2022 steht dann aber nur noch: "Der Ausbau der Freiwilligen Ganztagsschule wurde in den letzten Jahren stetig vorangetrieben. Dem gestiegenen Bedarf wurde durch die Bildung zusätzlicher Betreuungsgruppen Rechnung getragen. Gleichzeitig genießen auch die Angebote im gebundenen Ganztagsunterricht eine steigende Nachfrage bei den Eltern. Am weiteren Ausbau beider Angebote halten wir fest. Der Schwerpunkt liegt dabei weiterhin im Grundschulbereich, um den Übergang zwischen ganztägigen Betreuungsangeboten von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule zu erleichtern."
Zum Schuljahr 2018/2019 gibt es mittlerweile 31 echte Ganztagsschulen (12 Gemeinschaftsschulen, 10 Grundschulen) und 9 Schulen mit Ganztagsklassen (1 Grundschule, 5 Gemeinschaftsschulen, 3 Gymnasien). Von einer flächendeckenden Versorgung gerade im ländlichen Bereich und von einer echten Wahlfreiheit, die die Koalition immer wieder betont, ist das Land noch ein gutes Stück entfernt.
Bund und Länder hatten 1999 das „Forum Bildung“ eingesetzt, um Qualität und Zukunftsfähigkeit des deutschen Bildungssystems sicherzustellen. Unter dem gemeinsamen Vorsitz der damaligen Bundesbildungsministerin und des Wissenschaftsministers Bayerns haben Bildungs- und Wissenschaftsminister sowie Vertreter der Sozialpartner, Wissenschaft, Kirchen, Auszubildenden und Studierenden Empfehlungen zur Bildungsreform erarbeitet. Die Position des Forums Bildung:„...Ganztagsschulen helfen, bessere zeitliche Bedingungen für eine individuelle Förderung aller Begabungen zu schaffen... Ganztagsangebote an allen Schulformen können unter methodischen, erzieherischen sowie zeitlich-organisatorischen Aspekten erheblich zur notwendigen Qualitätsverbesserung der schulischen Bildung beitragen, sowohl zur Vermeidung von Benachteiligungen wie für die Förderung von Begabungen. Voraussetzungen sind ein klares pädagogisches Konzept sowie eine entsprechende Qualifizierung der Lehrkräfte und der Schulleitung. Ganztagsschulen benötigen zusätzlich zu den Lehrenden kompetentes Personal u.a. zur Förderung der Kreativität, praktischer und sozialer Arbeit außerhalb von Unterricht. Ganztagsschulen sind darüber hinaus ein wichtiger Beitrag zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und Männer.“
Seit 2005 wird mit der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) ein länderübergreifendes Forschungsprogramm zur Entwicklung von Ganztagsschulen und -angeboten gefördert. Über das Forschungsprojekt und seine Ergebnisse informiert eine eigene Internetseite:
www.projekt-steg.de.
Fazit der StEG-Teilstudie über die Jahre 2012-2015
Das Institut Infratest dimap hat im Auftrag der Bertelsmann Stiftung 2015
bundesweit über 4300 Eltern von schulpflichtigen Kindern im Alter von sechs bis 16 Jahren zu echten Ganztagsschulen befragt.
c/o Wolfgang Schäfer
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